Unser Leben

…und plötzlich war das Kind weg!

Der Moment an dem du realisierst, dass du dein Kind verloren hast…
Don`t panic!  At least not yet!

Ich bin mit den AbenteuerKindern gern im Wald unterwegs. Gerade am Nachmittag, wenn ich von der Arbeit komme und die Jungs von der Kita hole, tut der Wald unserem Körper und Geist echt gut. Man kann den ganzen Stress hinter sich lassen und jegliche innere und äußere Anspannung von sich abwerfen.
So auch an diesem Nachmittag. Wir waren in einem Waldstück unterwegs, welches nur etwa 3 Kilometer von unserem Heimatstädtchen entfernt liegt. Wir haben verschiedene Lieblings-Outdoor-Plätze für die unterschiedlichsten Aktivitäten. Dieses Waldstück zum Beispiel, ist unser favorite „Verstecken-Spiel“Platz. Nach unserem Umzug hierher, haben wir es irgendwann einmal für uns entdeckt und fahren immer mal wieder hin. Doch haben wir es noch nicht wirklich viel erkundet bzw. für uns erschlossen. Wir bewegen uns in diesem Wald einem etwas eher kleinerem Radius als beispielsweise in unserem „Polizei-und Forschergebiet“, welches Luftlinie 5 Kilometer in der anderen Richtung liegt.
Wir waren also im Wald. Alles war cool. Wir spielten „Ninjago“…und das schon seit Wochen…nicht nur im Wald… Doch irgendwann kippte die Stimmung bei meinem Großen und wir stritten. Er war wütend, ich war wütend. Er wurde traurig, ich wurde traurig. Glücklicherweise tangierte unser Streit den kleinen Bruder dieses Mal kein bisschen. Er war fröhlich und guter Dinge. Er hüpfte immer ein paar Meter vor uns Streithälsen und genoss die Zeit im Wald. Als der Große und ich uns wieder etwas beruhigt hatten, umarmten wir uns und fingen ein entspanntes Mutter-Sohn-Gespräch an. Ich spürte dennoch, dass es Zeit war den Heimweg anzutreten. In diesem Fall, den Weg raus aus dem Wald und zurück zum Auto, mit welchem wir hier her gefahren waren. 
Unser junger Anführer rief mir von Weitem zu, ob er schon zum Auto laufen könne. Ich antwortete:“Klar, folge einfach dem Weg weiter, auf welchem wir gehen.“ Ich vertraute ihm und freute mich, dass er sich freute, an diesem Tag, die sonst nur dem großen Bruder (entwicklungsbedingte) „Anführerrolle“ übernehmen zu können.
Mein anderer Sohn und ich liefen, immer noch im Gespräch vertieft, entspannt hinterher.
Doch nach ein paar 100 Metern, stellte ich plötzlich fest, dass wir uns nicht auf dem richtigen Weg befinden, welcher aus dem Wald heraus führt! Ich hatte wohl während der Streitphase den falschen Abzweig genommen!
Jetzt riefen wir dem kleinen Bruder hinterher, dass er auf uns warten solle, weil wir umkehren müssen, da wir auf dem falschen Weg sind.
Doch es kam keine Antwort zurück…
Don´t panic!, Bine, sagte ich zur mir und begann mit meinen Ältesten etwas schneller zugehen, damit wir den Kleinen wieder einholen. Die Wege in diesem Wald sind sehr kurvig und vielleicht spielt er ja hinter der nächsten Kurve und denkt, dass wir zu ihm kommen. Wir liefen also schneller. Da unser aktueller „Anführer“ im Verhältnis zu mir und meinem großen Sohn die kürzeren Beine hat, ging ich davon aus, dass wir ihn schnell einholen würden. Denn normalerweise ist unser kleiner Freund eher der „Slow-walk-man“ oder….“Ja, ich komme!Oh, ein Schmetterling…“.
Doch an diesem Tag war er gefühlt so schnell wie noch nie!
Die erste Kurve war vorbei, doch kein Sohn! Die zweite Kurve ließen wir hinter uns, doch auch hier kein Sohn! Unsere Schritte wurden immer schneller. Als wir nach wiederholtem Rufen immer noch keine Rückantwort bekamen, sagte ich angespannt zu meinem 5-Jährigen: „Lauf! Lauf so schnell du kannst!“ Und wir rannten los! Ich fragte mich die ganze Zeit, weit konnte dieser kleine Bub denn nur gekommen sei!
Der Weg zog sich und es gingen immer wieder Nebenwege vom Hauptweg ab! Auch hier sagte ich innerlich zu mir: „Don`t panic! Calm down! Breath! Don`t panic! At least not YET!“
Die andere Stimme in mir wollte aber „panicen“. Jetzt, gleich und hier! Auf der Stelle!
Wir liefen und liefen und riefen und riefen. Nichts! Kein Rufen, kein Lachen, kein Weinen, kein Schreien – nichts! Einfach nichts! Und plötzlich war mein Kind weg! Plötzlich war der kleine Bruder weg! Das begriffen wir in diesem Moment. 
Das Ärgerliche daran war, dass ich nicht wusste, wo dieser Weg uns weiter hin führt und ob mein kleiner Sohn nicht schon eine Abzweigung vorher genommen hat. Ich versuchte mir vorzustellen, was ich als mein Jüngster tun würde. Wo wäre ich lang gegangen? Immer dem Weg weiter folgen, weil ja dann das Auto kommt und ich erster am Auto sein will? Oder würde ich aus Neugier einen anderen Weg einschlagen? Oder würde ich aus Spaß an der Freude mich vor Mama und meinem großen Bruder verstecken und mir ins Fäustchen lachen, weil sie verzweifelt nach mir rufen, mich aber nicht finden? Wir kamen an einer Abzweigung vorbei, welche tiefer nach unten führte. Ins Waldtal hinab, sozusagen. Hätte ich diesen Weg als Kind gesehen, wäre ich sofort aus Neugier und Abenteuerlust gefolgt. Aber würde mein Kind genauso handeln, wie ich als Kind gehandelt hätte??
Keine Ahnung! Ich wusste es einfach nicht… Und das machte mich nervös und wütend und ich bekam nun immer größere Angst. Wir blieben auf dem Hauptweg, welcher nun auch langsam ins Tal abging und ich bemerkte, dass es meinem Großen immer schwerer fiel mit meinem Tempo mitzuhalten. Ich lief natürlich nicht mein Höchstleistungstempo, denn ich wollte ja nicht auch noch mein anderes Kind verlieren. Dennoch sah ich, dass die Puste vom langem Rennen und vom ständigen rufen bei ihm zur Neige ging. So beschloss ich, Halt zu machen und umzukehren. Doch so ganz konnte ich aufhören diesen Weg zu verfolgen. Ich sagte zu meinem Sohn, dass er hier kurz warten und verschnaufen solle. Ich wollte nur noch ein paar Meter. Noch die eine letzte Abbiegung abchecken, bevor wir umdrehen. Und so lief ich noch einige Meter und blieb dann erschöpft doch total angespannt und zutiefst traurig an einer Lichtung stehen. Meine Augen folgten die letzten Wegabschnitt, welcher bergab ging bis zur nächsten Kurve, hinter welcher man nichts mehr sehen kann. Dann flog mein Blick aufwärts über die Lichtung auf welcher ein großer Jägerhochsitz stand und zurück in die Richtung, aus welcher ich gekommen war. Es war einfach nur wie in einem schlechten Film. Ich rannte zurück zu meinem Großen. Wir riefen weiter aber rannten nicht mehr. Er konnte auch nicht mehr schneller und blieb immer etwas hinter mir zurück. Natürlich in Sichtweite! Mich trieb es weiter und weiter. Obwohl ich mir immer weniger sicher war, dass ich in die richtige Richtung laufen würde.
Glücklicherweise kam ein Mann vorbei, welcher zum Walken hier war. Er hatte uns zuvor schon beim Spielen gesehen,..als wir noch zu dritt waren…
Ich hielt ihn an und fragte, ob er vielleicht einen kleinen Jungen gesehen hat. Aber leider verneinte er. Doch er würde uns helfen ihn zu suchen.
Da bekam ich wieder etwas mehr Optimismus. Doch wollte ich mich auch nicht gleich in diesen hinein verfallen. Denn noch war immer noch keine süße zarte Kinderstimme von meinem Sohn zu hören, noch irgendetwas von ihm zu sehen.
Ich fragte den Mann, wo wir uns denn genau befinden würden. Er erklärte mir, dass wir uns auf dem Weg hinunter ins angrenzende Dorf befinden. Und er zeigte uns die Richtung zum Waldausgang.
Ich beschloss meinen großen Sohn zum Auto zu bringen und allein, bzw. mit den Hilfe des netten Mannes, weiter zu suchen. Der Groß solle ganz lange hupen, wenn er seinen Bruder sehen sollte.
Als der Große „safe“ wahr, rannte ich wieder los. Über eine halbe Stunde war er nun schon wie vom Erdboden verschwunden! Mein süßes kleines Baby, irgendwo ganz allein im Wald! Ich hoffte, dass er mich hören konnte und somit wusste, dass nach ihm gesucht wurde. Hin und wieder hörte ich aus der Ferne die Stimme des Mannes, welcher auch nach meinem Sohn rief. Das gab mir so viel Kraft und Hoffnung mein Kind hoffentlich bald wieder in meine Arme zu können. Davon gepushed, rannte ich weiter und weiter. Ich rief immer wieder in alle Himmelsrichtungen. Blieb ab und an stehen um zu hören, ob er zurück ruft.
Dann kam ich zurück an jene Abzweigung, welche ich als Kind gewählt hätte. Diesmal nahm ich sie! ich rannte den runter. Rief. Blieb stehen. Lauschte. Doch nichts. Also weiter. Weiter den Weg runter. Weiter ins Tal. keine Ahnung wohin mich dieser Weg führen würde.
Der Optimismus schwand wieder. Eine Stunde war nun schon vergangen, als ich meinen Jüngsten das letzte Mal geshen habe. Aber ich wollte um nichts auf der Welt aufgeben oder jetzt hier zusammen brechen und heuln`! Dann endete der Weg und ich stand vor einer Kreuzung und vor einer Entscheidung. Entscheide ich mich für den Weg weiter hinab ins Tal, wo ich mir aber nicht sicher bin, wo ich landen werde. Vielleicht im Dorf. Vielleicht aber auch nicht. Oder entscheide ich mich für den Weg nach oben, wo ich auch nicht den genauen Plan habe, wo ich raus komme aber die wage Vermutung das es wieder auf unseren „Hauptweg“ geht.
Ich entschied mich für bergauf. Auch wenn mein Körper bergab wohl eher begrüßt hätte.
Ab hier kürze ich ab.
Auf den Weg nach oben hörte ich den erlösenden Ruf des Mannes, dass er mein Kind gefunden hat!
Selbst nach einer Woche, ja so lang ist dieses Abenteuer schon wieder her, bekomme ich noch Gänsehaut, wenn ich an diese Stunde zurück denke.
Ich rannte mit meinen letzten Kräften Berg hinauf, mit dem Wissen und der Liebe in mir, das ich gleich mein Kind wieder in meinen Armen halten kann! Oh, das waren so aufregende Minuten. Der Spannungsbogen dieses Films stieg ins Unermessliche! Oben angekommen stand ich TATATA wieder an der Lichtung, an welcher ich ganz zu Beginn wieder umgekehrt war, weil ich niemanden hörte und sah!
Ich kletterte über diesen Weidezaun, raste über die Wiese und da stand er! Mein kleiner Sohn! Mein echter! Mein einzigartiger, bester kleiner Sohnemann! Bevor ich ihn in den Arm nahm, bedankte ich mich bei diesem herzensguten Mensch und drückte ihn ganz fest! Das war mein Held des Tages,..ach..des Jahres!
Dann endlich kam die Zusammenführung der Herzen. Ich nahm meinen Sohn ganz fest in den Arm und ließ mich mit ihm rückwärts ins Gras fallen. Wir blieben so eine Weile vereint liegen und spürten die Liebe und Wärme zwischen uns.
Huckepack trug ich ihn den „richtigen“ Weg zurück zum Auto, in welchem sein großer Bruder seelenruhig ein Hörspiel hörte. Er empfing uns mit: „Na, hast du ihn endlich wiedergefunden, Mama. Das hat ja ganz schön lange gedauert.“

Ende gut, alles gut!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.